Peru 2 (9.8.-28.9.)

Die weitere Zeit in Peru wurde noch etwas extremer, wilder, einsamer, schöner, aber auch anstrengender, trügerischer und mühsamer. Ich bewegte mich für einen Grossteil der Zeit zwischen Höhen von 4000 und 5000 m, meine täglichen Weggenossen waren vorwiegend Lamas, Alpakas und Schaafe. Ich fuhr durch die schönsten und eindrücklichsten Berglandschaften und traf auf die hässlichsten Minen, verseuchtesten Bäche und die mühsamsten Autofahrer. Und nun weiss ich nicht so recht ob ich das Land nun mag oder doch eher nicht…

Aus Huaraz raus gings erstmals auf der stark befahrenen Hauptstrasse. Der Verkehr war unmöglich. Die Peruaner sind definitiv die schlechtesten und gefährlichsten Autofahrer bis jetzt. Jeder meint er könne ohne auch nur einen Zentimeter auszuweichen überholen. dafür wird der fehlende Abstand mit permanentem Hupen kompensiert. Und stinken tun die Scheisskisten auch übelst. Zudem hat mir wohl die Luft in Huaraz etwas zugesetzt und ich fahre mit einem nervigen Reizhusten los. So strample ich die ersten Kilometer hustend im unmöglichen Gewirr aus hirnlosen Autofahrern aus de Stadt raus. Und als wäre das alles nicht genug, fallen mich auch noch dauernd irgendwelche gelangweilte Hunde ohne Vorwarnung an. Ich erschrecke jedes mal aufs neue und mitten im Verkehr wird es noch viel gefährlicher, denn die automatische Reaktion den Hunden auszuweichen macht einen Zusammenstoss mit einem Auto das gerade überholt sehr warscheinlich. Meine Laune ist definitiv nicht gut und irgendwann verjagt es mich dermassen dass ich anhalte, das Rad in den Graben schmeisse und auf den riesigen Köter losgehe, welcher mich eben gerade wieder zu tode erschreckt hat. Dies passierte noch ein paar weitere Male, denn es war wirklich nicht zum aushalten. Und auch die „Besitzer“ der Hunde machten mich rasend, denn diese verstanden mein Problem nun wirklich einfach nicht.

Irgendwann kam dann endlich die lang ersehnte Abzweigung und ich folgte einer Schotterstrasse ein weiteres mal hinein in den Huascaran Nationalpark, schlich mich am Kontrollposten vorbei und stellte mein Zelt zum Sonnnuntergang am Strassenrand auf und verkroch mich vor der grossen Kälte in den Schlaafsack. Tagsdarauf erreichte ich, wieder einmal nach Luft schnappend, den Pastouri Gletscher auf 5020mum. Der kleine Rest des Gletschers ist eine riesige Touristenatraktion und die Touris werden zu Hunderten in Bussen an den kleinen Eisblock gekarrt. Respektive bis zum Parkplatz und dann gehts auf einem der unzähligen Pferde die letzten Meter bis zum Gletscher. Aber man kann auch laufen… Der Gletscher war eher endtäuschend und die Mühe diesen zu erreichen hat sich nicht gelohnt. Aber es hatte noch einen Wanderweg entlang von farbigen Steinen. Den fand ich toll.
Nach den Pastourigletscher war die weiterführende Strasse verkehrsfrei und eine Freude zum Velofahren. Und auf einem Hochplateau hatte ich Aussicht auf 2 Cordilleras: Hinter mir die Codillera Blanca und vor mir konnte ich bereits die Bergspitzen der Cordillera Huayhuash erkennen. Die letzten Kilometer führten wieder mal, es war nicht anders zu erwarten, durch die obligate Nationalpark Mine. Und immer noch wollten die Mineure nicht so recht Auskunft geben darüber, welche Mineralien die Minen nun wirklich zu Tage fördern würden. Vorallem Gold schien ein heikles Thema zu sein.

Über das Minendorf Huallanca gings dann weiter Richtung Baños. Auf dem Weg besuchte ich noch rasch die Ruinen von Huanuco Pampa bevors über kleine Bergdörfer auf einer ruhigen Nebenstrasse auf Baños zu ging. Immer wieder hielten mich die Bauern an, denn jeder hatte gerade Zeit ein Bisschen zu schwatzen. Und ich hatte ebenfalls Zeit.
Nach Baños höhrte sich meine Schaltung etwas komisch an, denn es ratterte ungemein. Die Kugeln der Kettenspanner-Kugellager hatten sich verabschiedet. Frühmorgens hatte in Baños noch kaum ein Geschäft geöffnet und ein Ersatz war in dem kleinen Kaff schwierig zu finden. Bei einem Auto-Töff-Velo-Was-auch-immer Mechaniker fand ich dann Hilfe und wir durchsuchten seinen Grümpel so lange, bis wir die richtige Kugelgrösse fanden. Immer wieder wurde die Suche unterbrochen, wenn noch ein anderes Gefährt notfallmässig repariert werden musste.
Mit frisch gespannter Kette ging es weiter hoch in die Berge. Weit weg sah ich noch die verschneiten Gipfeln des Huayhuash Parks, welche man auch noch auf abenteruerliche Weise mit dem Velo hätte besuchen können, was ich aber nun ausnahmsweise mal aus lies. Für mich gings nun gegen die Minenstadt Oyon zu. Die Route sollte mich nun durch ein Wirrwarr von Lagunen führen und ich wollte mindestens bei der ersten dieser Lagunen zeltlen. Der Tag wurde etwas länger als gedacht, doch beim Eindunkeln erreichte ich die Lagune Patarcocha und fand einen guten Zeltplatz, mit Sichtschutz von der Strasse und direkt am Wasser.
Leider hat mir am Nachmittag der „Tankwart“ in einem kleinen Kaff unterwegs wohl Diesel anstatt Benzin verkauft und das Kochen wurde zur Geduldsprobe. Etwas ausgefrohren und genervt gab es dann kurz vor Mitternacht doch noch was warmes zu essen. Immerhin hatte ich Vollmond und die Stimmung an der einsamen Lagune war genial.
Die Route führte mich weiter entlang vieler kleiner und grösserer Lagunen. Bei allen war schwimmen und fischen strengstens verboten. Wohl nicht umbedingt wegen dem Schwimmen oder den Fischen, sondern weil die Mine gleich oberhalb wohl das gesammte Wasser im Tal ordentlich verseucht.
Durch die riesige Mine Raura ging es dann steil hoch bis zur Passhöhe und auch der Grenze der Mine. Unterwegs traff ich endlich auf einen Ingenieur, mit welchem ich mich ausgiebig über die Minerie unterhalten konnte und welcher mir erklären konnte, wie die Mine funktioniert. Ein offizieller Besuch der Mine war dann aber nicht möglich, denn das Anmeldeprozedere war mir dann doch viel zu umständlich und hätte mehrere Tage in Anspruch genommen.
Die Abfahrt nach Oyon führte zwar offiziell durch den Nationalpark, gesehen habe ich aber wiederum vorallem Minenschutt und staubige Lastwagen und damit war das Thema Peruanische Nationalparks für mich erledigt.

Die Unterkunftssuche in Oyon gestaltete sich etwas schwierig. Die günstigen Hotels waren alle von Mineuren und Bauarbeitern belegt und sonst hatte das schmuddlige Kaff nicht viel zu bieten. Schlussendlich konnte ich bei der Polizei im „Garten“ zeltlen. Dies war zwar in Peru eigentlich nicht erlaubt, aber ausnahmsweise wurde mir erlaubt zu zeltlen – ich durfte einfach niemandem davon erzählen, nicht krank werden und schon gar nicht sterben. Ich gab mir Mühe.
Von Oyon aus hatte ich drei Optionen zur Weiterfahrt. Etweder den Minenstrassen weiter folgen und über relativ viele Höhenmeter auf der „Peru Divide“ Route langsam gegen Hunancavelica zu radeln, über die Hauptstrasse gegen Lima runter zu brettern und dann alles im nächsten Tal wieder hoch zu kurbeln oder über die andere „Hauptstrasse“ über einen Pass gegen die Minenhauptstadt Cerro de Pasco und die Hochebene zu. Auf das Verkehrschaos um Lima hatte ich keine Lust und auf die vielen schottrigen Höhenmeter auf der „Peru Divide“ auch nicht so recht. So entschied ich mich für die Strecke nach Cerro de Pasco. Auch von der Polizei wurde mir zu dieser Route geraten, denn die Divide sei viel zu streng und die Strasse nach Cerro de Pasco wäre in gutem Zustand und es hätte nur wenig Verkehr dort.
Die ersten Meter aus Oyon raus waren wirklich toll. Eine schöne Schotterstrasse ohne Verkehr begrüsste mich. Wieso es keinen Verkehr hatte war dann auch schnell klar, denn nach nur wenigen Metern existierte die Strasse nicht mehr und ein grosser Erdhaufen versperrte mir den Weg. Oben auf dem Haufen wurde gebaggert wie wild und der Schutt in grossen Lastwagen abtransportiert. Irgendwann kam dann mal der Baustellenscheff und wir trugen das Velo kurzerhand über den Erdhaufen und zwischen den Maschinen durch. Ich erkundige mich noch schnell, wie weit denn die Lastwagen fahren würden. ‚Nur ein paar Meter da um die Ecke und den Berg hoch‘, war die ermutigende Antwort. Es stellte sich dann aber im verlauf des Tags raus, dass diese Lastwagen vielleicht schon nur ein paar (Kilo)meter den Berg hochfahren. Aber dass dann die nächsten Lastwagen kommen und noch ein Bizeli weiter den Berg hochfahren, dass hat er leider nicht erwähnt.
Auch dass sich die ganze Baustelle der Strassenverbreiterung über die ganzen 40 km bis zum Pass auf 4800m erstrecken würde war ihm gerade entgangen zu erwähnen. Offenbar wusste auch die Polizei in Oyon nichts von der zwei Jahre dauernden Baustelle. Immer noch positiv eingestellt fuhr ich erstmal weiter und quäle mich durch die Straubwolken welche im Minutentakt von den vorbeibretternden Lastwagen aufgewirbelt wurden. Alle winkten und lächelten mir zwar nett zu, mir wärs aber lieber gewesen sie hätten einfach die Geschwindigkeit ein Bisschen gedrosselt um bedeutend weniger Staub aufzuwirbeln. Aber das verstehen nicht nur peruanische Lastwagenfahrer nicht, sondern scheint ein weltweites Problem zu sein…
Gegen Mittag machte ich Pause an einer Lagune und stellte fest, dass die Bauarbeiter wohl auch gerade Pause machten, denn es herrschte nun gar kein Verkehr mehr auf der Strasse. Ich fand dann wenig später heraus, wieso kein Verkehr mehr herrschte: die ganze Strasse wurde gesperrt, da weiter oben noch gesprenngt wurde. Nur 10 Minuten würde es dauern. 1.5 Stunden später war die Strasse dann auch wieder offen und mit mir strömten nun die ganzen Lastwagen noch in höherer Dichte gegen den Pass zu.
Kurz vor der Passhöhe kam dann zum Staub auch noch die Abluft eines Minenstollens dazu und ich regte mich sehr darüber auf, diese Strecke gewählt zu haben. Ich regte mich auch auf über die peruanische Polizei, welche einfach mal vergessen hat, dass gerade gebaut wird auf der Strasse. Ich regte mich auch auf über den Baustellenscheff, welcher vergass, dass es weiter oben noch andere Lastwagen hat. Ich regte mich auch über den Wind auf, denn ganau an diesem Tag war es absolut windstill und die Staubwolken der Lastwagen schwebten ewigs über der Fahrbahn.

Zum Sonnenuntergang erreichte ich endlich die Passhöhe. Hier blies nun ein bissiger Wind und ohne Sonne wurde es rasch eisig kalt. Leider konnte ich nicht direkt abfahren, denn die Strasse war wiedermal gesperrt weil ein „grosser Lastwagen“ unterwegs war und es unmöglich wäre mit dem Velo den Lastwagen zu passieren. aaaaaaaaah ich konnte es nicht glauben. So packte ich mich halt in alle Kleiderschichten ein welche ich dabei hatte und harrte aus. Irgendwann war dann der unglaublich grosse und unpassierbare Lastwagen durch und ich konnte endlich abfahren. Nun halt bei ziemlich düsteren Bedingungen und durchgefroren. Immer noch wurde mir von den fröhlichen Bauarbeitern „Gringo!“ und „que pais?“ zugerufen – es ging mir soooo was von auf den Sack und ich fand Peru ziemlich Scheisse in dem Moment.
Ich musste mindestens noch bis zur ersten, hoffentlich unverseuchten, Lagune weiterfahren, denn Trinkwasser hatte ich schon lange keines mehr. In der ersten trüben Suppe füllte ich mit klammen Fingern auf und radelte auf der Suche nach einem windgeschützten Zeltplatz weiter in die Dunkelheit hinein. Ein Mandli am Strassenrand meinte, im nächsten Dorf hätte es ein Restaurant und Hotel. Ich traute dieser Auskunft nicht so ganz denn auf meiner Karte sah ich weit und breit kein Dorf, fand aber die Aussicht auf ein warmes Abendessen und ein Bett aber schon ganz verlockend. Das Hotel fand ich nie. Die Beiz gabs tatsächlich, wollte mir aber nix kochen und zeltlen lassen wollten sie mich auch nicht. Ich wurde aber aufs TAMBO verwiesen, das Büro einer lokalen Entwicklungshilfe in den abgelegenen Gegenden Perus.
Im TAMBO begrüsste mich der lustige David, kochte mir ein Znacht und dann konnte ich mein Bett im Schlaafsaal beziehen – ein erstaunlich guter Ausgang eines Scheisstages.

Nach Cerro de Pasco war es nun nicht mehr weit. Dort bezog ich ein Bettchen in der Feuerwehrstation. Die Belegschaft dieser Station war sehr stolz darauf Velofahrer aufzunehmen und es wurde sofort ein Bombero abdetaschiert um mir die ganze Station zu zeigen. Nach einer heissen Dusche gings dann weiter mit dem gemeinsamen Abendessen, bevor ich noch beim Scheff im Büro zum Plaudern und Teetrinken angemeldet wurde. Es gefiel mir gut bei den Bomberos von Cerro de Pasco und ich legte gleich einen Pausetag bei ihnen ein. In Cerro de Pasco durfte natürlich ein Besuch der riesigen Mine nicht fehlen. Direkt unter dem Stadtzentrum befinden sich reiche Bodenschätze und so schmückt in CdP nicht etwa wie sonst üblich ein schöner Platz das Zentrum, sondern ein riesiges, über einen Kilometer breites Loch, welches immer mehr der Stadt in sich verschlingt.

Blick in die Mine von Cerro de Pasco

Nun wollte ich die Peru Divide doch noch in Angriff nehmen. Die Peru Divide ist, ähnlich wie die Trans Ecuador Strecke, eine Mountainbike Strecke welche quer durch das ganze Land führt und den unzähligen Minenstrassen durch die abgelegenen Land- und Ortschaften in den peruanischen Bergen führt. Zuerst gings noch auf Asfalt dem ziemlich verseucht stinkenden Chinchaycocha See entlang, dann durch den schönen Steingarten von Huallay in die Berge hinein. Da Cerro de Pasco bereits auf 4338 Meter über Meer liegt, stieg die Strasse nur noch mässig an und ich kam ohne grosse Mühe voran. Nur fand ich es etwas komisch, dass ich jedes mal wenn ich anhielt, sofort zu husten begann. Während dem Fahren ging es hingegen ohne Probleme. Es ging durch ein Gewirr aus verschiedenfarbigsten Gesteinsformationen und vorbei an den blausten Lagunen, immer den verkehrsfreien Minenstrassen folgend – es war traumhaft zum Velofahren. Und die Scheissstrecke raus aus Oyon war schon fast wieder vergessen.
Kurz vor Sonnenuntergang und kurz bevor es wieder eisig kalt wurde, suchte ich mir einen netten Zeltplatz nicht weit der Strasse. Irgendwo war dann doch ein Haus oder besser gesagt eine Hütte in der Nähe und man hat mich entdeckt. Der Mama der Familie schien es gar nicht zu gefallen dass ich dort zeltlen wollte und mir wurde sofort erklärt, dass es hier viel zu gefährlich wäre weil mich wilde Tiere in der Nacht fressen würden. Ich erklärte, dass ich mit den Tieren schon zurechtkommen würde. Dann waren es halt die Räuber auf Pferden mit Gewehren welche mir an den Kragen gehen würden. Ich verstand dass sie mich einfach weg haben wollte, packte etwas genervt meinen Kram wieder zusammen und fuhr in der Dämmerung noch bis zum nächsten „Dorf“. Chuqui bestand zwar schon aus einigen Häusern, es wohnen aber nur noch 2 Familien dort welche sich um ihre Schaafe kümmern. Mir wurde ein kleiner Schopf zum übernachten angeboten und die neugierigen Kinder hielten mich bis zum Schlafengehen auf Trab mit dem und-was-ist-das Spiel. Am nächsten Morgen lernte ich dann, dass ich ab jetzt wohl besser das Wasser immer bereits am Abend auffüllen würde, denn der einzige Wasserhahn im Dorf blieb bis 10 Uhr gefrohren und ich begann den Tag daher eher gemütlich.

auf der Peru Divide

Es ging nochmals zwei Tage weiter durch die schöne Berglandschaft, entlang von Lagunen und Lama, Alpaka und Schaafherden, durch kleine Dörflein und das ganze mit rund 5 Autos Verkehr am Tag, bis ich auf die Careterra Central traf. Auf der Hauptverkehrsachse von Lima in die Berge herrschte dann wieder reger Verkehr, unzählige Comedore luden zum essen ein und an den gut gefüllten Ständen konnten wieder Früchte und Gemüse gekauft werden. Ich nutzte dieses Angebot und füllte nochmals alle Taschen mit Vorräten auf, denn für die nächste Woche würde ich nochmals durch eine Spur abgelegenere Gegenden fahren und ein Auffüllen der Vorräten würde nur noch bedingt möglich sein. Auch das Terrain wurde noch etwas anspruchsvoller. Nun würde es täglich auf knapp 5000m hoch über einen Pass gehen, um danach die ganzen Höhenmeter wieder im Nu zu vernichten, aber unter 4000m würde ich auch so die ganze Woche nicht kommen.

Schon der erste Pass katapultierte mich wieder mal auf 4930m hoch. Die Landschaft machte die Anstrengung aber allemal wett und der Verkehr hatte sich nun auch auf etwa ein Auto morgens und eines am Nachmittag reduziert und das Velofahren war wiederum traumhaft. Ich versuchte jeweils, jeden Tag einen Pass zu meistern, um dann möglichst am tiefsten Punkt zu übernachten, denn es wurde auch dort jeweils noch bissig kalt im Zelt. Auf der Strecke überstand ich dann auch die kälteste Nacht der Reise mit -15°C im Zelt – geschlafen habe ich in dieser Nacht aber dennoch erstaunlich gut.
Die Peru Divide führte nun wieder vorbei an zahlreichen Lagunen, in welchen im grossen Stil Forellenzuchten eingerichtet wurden. So gab es in den kleinen Dörfer, auch wenn es sonst nichts zu essen gab, ganz sicher immer Forelle. Nach einer Strecke entlang von vielen Seen und über etliche Pässe folgte ich für ein paar Tage dem Rio Cañete, welcher immer wieder mit atemberaubenden Wasserfällen und Stufen-Becken Abfolgen zu faszinieren vermochte. Im idylischen Dorf Laraos musste ich dann mal wieder Pause einlegen, denn der Husten machte mir immer mehr zu schaffen und das Velofahren wurde zunehmens schwieriger. Leider hatte man der Lagune wohl das Wasser abgelassen und so blickte ich halt von meinem Hotelzimmer anstatt auf einen tiefblauen See, auf eine graue Fläche wo ein paar Esel vergeblich nach Futter suchten.
Erholt gings am nächsten Tag gegen den höchsten Pass zu. Auf 4990m würde es rauf gehen. Zuerst einem kleinen Bach und schönen Lagunen folgend und zum Schluss auf losem Geröll im Zickzack gegen den höchsten Punkt zu. Durch das lose und grobe Geröll, in Kombination mit meinem Husten und der dünnen Luft kam ich nur sehr langsam voran und brauchte eine gefühlte Ewigkeit bis ich endlich oben auf der Passlücke stand. Die Aussicht war hingegen wiedermal grandios – egal in welche Richtung.
Ich war zwar immer noch in der Trockenzeit unterwegs, aber während den letzten Woche hat sich das Wetter doch merklich verändert. Nachdem ich nun während Wochen nichts anderes als knallblauen Himmel von früh bis spät gesehen hatte, zogen nun Nachmittags jeweils dichte Wolken auf und hin und wieder konnte ich eine beängstigend schwarze Gewitterzelle in der Distanz ausmachen und nur hoffen dass diese in eine andere Richtung weiter ziehen würde.
So ging es noch ein paar Tage weiter mit Pässen, Lagunen, Minen, Lamas, Alpakas und Gewitterwolken bis ich schlussendlich in einem rassanten Downhill das vorübergende Ziel, das Städchen Huancavelica, erreichte. Eigentlich wollte ich mir ein paar erholsame Tage in einem Hotel gönnen, landete aber schlussendlich wieder einmal bei einer wunderbaren Kompanie der Feuerwehr. In Huancavelica, der Desserthauptstadt Perus, vergingen die Tage ohne viel Tamtam, dafür mit jeder Menge Kuchen, Donuts und Keksen und einem peruvianischen Polizeifest.


Von Hunancavelica war es dann relativ easy. Es ging zwar immer noch hoch und runter wie auf der Achterbahn, aber nun auf brandneuem Asfalt. So erreichte ich die Stadt Ayacucho ohne grosse Mühe und nach einem Tag laisse-faire im Kolonialstädchen war ich schon wieder unterwegs Richtung Cusco. Die Strecke nach Cusco war eigentlich auch sehr schön, doch nach der extrem schönen Landschaft auf der Peru Divide vermochten mich die gut 600 km nicht mehr so begeistern und ich wollte vorallem einfach Cusco möglichst schnell erreichen. Möglichst schnell hiess dann, gut 2000 hm und rund 100 km pro Tag. Der ambiziöse Plan funktionierte für genau 2.5 Tage. Dann war es irgendwie zu viel und ich musste eine erschöpfungsbedingte Pause hinter einer Lehmhütte einlegen. So verschlief ich erst mal 1.5 Tage, bevor ich dann die letzten Tage nach Cusco etwas gemütlicher unter die Räder nahm. Die Höhenunterschiede waren nun noch extremer als in den Wochen zuvor. Es ging nach wie vor hoch auf über 4000 m, dafür waren die Täler und Canyons nun so tief eingeschnitten, dass ich jeweils unter 2000 m landete. Daher waren zwar die Abfahrten viel länger, aber dafür nahm das Hochkurbeln ebenfalls viel mehr Zeit in Anspruch. Das schöne daran war, dass sich nun die Landschaften noch viel extremer veränderten und ich manchmal noch, in T-Shirt und kurzer Hose in mitten von Kakteen in einer heissen Wüste zurückdenken konnte, dass ich nur 2 Stunden davor noch schlotternd die dicken Handschuhe angezogen hatte. Irgendwann war dann auch der letzte Pass geschafft und die Vororte von Cusco kündeten eine neue Welt an.

In Cusco erwartete mich Marc. Er hatte auch in Züri studiert und wohnt und arbeitet nun schon seit über zwei Jahren in Cusco für Comundo und unterstützt die Incas Vivientes.
Nach den Wochen in den ärmsten Gegenden Perus war es ein Bisschen ein Schlag ins Gesicht in Cusco und es brauchte ein paar Tage bis ich mich wieder an Dusche mit heissem Wasser, Internet, Vegan Food, Smoothies und sonstiges fancy Zeugs was die Turis so begehren gewöhnt hatte. Den Touris hat es in Cusco defintiv genug. Und alle haben vorallem ein Ziel: Machu Picchu.
Die Tage in Cusco verflogen viel zu schnell. Mit gutem Essen, viel Schlafen, ein paar Parties und vorallem wieder mal mit einem bekannten Gesicht zu plaudern (und ein Bisschen zu lästern) tat gut. Auch war Marc ein excellenter Turistenführer und es machte Spass auch die kleineren Ruinen und Attraktionen um Cusco zu besuchen. Denn Cusco hat viel mehr zu bieten als nur Machu Picchu und ein Monat hätte wohl nicht gereicht um alles zu sehen.


Ich hatte eigentlich keine Lust mich dem Gringozug nach Machu Picchu anzuschiessen, fand dann doch das sich das eventuell schon noch lohnen würde, die Nummer 1 Touristenatraktion der Welt zu besuchen. Und so sah man dann auch mich mal in einer der unzähligen Touristenagenturen ein Machu-Picchu-Päckli buchen und zwei Tage später stand ich früh Morgens bereit um von einem der vielen Minivans abgeholt zu werden.

Da ich gerade keine 300 Dollar für ein Zugbillet übrig hatte, reiste ich mit der immer noch teuren „Budget“ Variante nach Machu Picchu. Während 3 Stunden ging es immer weiter hinein ins heilige Tal der Incas und es tat schon ein Bisschen weh, die schöne Strecke nicht mit dem Velo zu fahren. Nach der Passhöhe gings dann für drei weitere Stunden runter und in ein Seitental hinein bis Hydroelectrica, wo die Strasse endet. Machu Picchu kann nur zu Fuss oder per Eisenbahn erreicht werden, nicht aber über die Strasse. Wir wurden alle ausgeladen und begannen der Bahnlinie für weitere zwei Stunden entlang zu watscheln. Kurz vor dem Eindunkeln erreichten wir Machu Picchu Disneyland ‚Aguas Calientes‘. Meine Gruppe hatte ich längst verloren. Irgendwann fand ich dann aber doch noch raus, welches Hotel in meinem Päckli gebucht war und wo mit etwas Znacht vorgesetzt werden würde. Naja, das Essen diente mir gerade knapp als Vorspeise und stillte den Hunger später noch in einer der Chifas im Dorf.

Früh gings ins Bett denn früh gings am nächsten Morgen los. Um 4 Uhr stand ich bereits vor dem Hotel, ready die gut 1.5 Stunden Fussmarsch hoch zum Machu Picchu in Angriff zu nehmen und vor der Türöffnung um 6 Uhr möglichst weit vorne in der Schlange zu stehen um wenigstens ein paar Minuten ohne die Menschenmasse in Machu Picchu zu sein.
Es schiffte wie aus Eimern und im Schein der Stirnlampe stapfte ich langsam gegen den heiligen Berg zu. Ich war wirklich früh dran und ausser mir war noch niemand auf den steilen Stufen rauf zum Berg unterwegs. Nach etwa einer Stunde Marsch fing es dann plötzlich an zu rumpeln. Und dummerweise war es mein Magen. Ein notfallmässiger Sprung in die Büsche brachte nur wenig Erleichterung. Oben angekommen war ausser zwei Japaner noch niemand da. Ich war der dritte welcher an diesem Tag nach Machu Picchu eingelassen würde – yeah! Leider rumpelte es immer noch ordentlich in meinem Bauch und dass die Toiletten um die Uhrzeit noch geschlossen waren machte die Sache nicht angenehmer. Wie praktisch dass sich neben dem Eingang zu Machu Picchu das wohl teuerste Hotel Perus befand. Dem Rezeptionist musste ich aber den Ernst der Situation erstmal klar machen. Schlussendlich liess man mich passieren und ich „genoss“ gute 20 Minuten auf der wohl exklusivsten Toilette Perus. Leider reichten diese 20 Minuten nicht nur aus, meinen Darm etwas zu entleeren, sondern auch für die ersten Busse einzutreffen (ja, man kann auch per Bus hoch zu Macchu Picchu). So war ich dann nicht mehr dritter, sondern etwa 300ster – nicht mehr so yeah.

Um die täglich weit über Tausend Besucher einigermassen etwas zu verteilen, sind die Tickets an eine strikte Einlasszeit gebunden. Und damit die Besucher die Ruinen eventuell wieder verlassen würden, wurden einfach keine Toiletten installiert. Diese Aussicht machte mir nun unter den aktuellen Umständen doch eher Bauchschmerzen. Nach einer weiteren Sitzung wagte ich es dann doch mal rein nach Machu Picchu. Nun halt in einer langsamen Watschelkolone mit den restlichen Gringos. Und bei jedem Fotospot verwandelte sich die Gringokolonne in ein wildes Gewussel aus Selfiesticks und hysterischem rumgerenne und posieren.
Die ganze Verrücktheit mal ausgeblendet, muss ich sagen dass die Ruinen wirklich eindrücklich sind. Bis jetzt war ich von den Inkaruinen nur bedingt begeistert, denn im Vergleich zu den spektakulären Mayapyramiden in Mexiko und Guatemala wirkten die Inka Ruinen eher wie langweilige Steinhaufen. Die Ruinen von Machu Picchu sind aber in einem Ausmass restauriert worden, dass man sich sehr gut vorstellen konnte wie die Inkas hier früher einmal gewohnt und gelebt hatten. Das bei weitem aber eindrücklichste an Machu Picchu war für mich, wie die Stätte auf dem schmalen Grat zwischen den Bergen Machu Picchu und Huayna Picchu gebaut wurde. Auf beiden Seiten geht es steil runter und der 500 m tiefer fliessende Rio Vilcanote ist von praktisch überall zu sehen. Und nicht nur Häuser wurden auf dem Kamm gebaut sondern auch ein grosses System aus Terrassen zur Bewirtschaftung, ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem, eine Vielzahl von astronomischen Tempeln, geheimen Fluchtwegen und vielem mehr wurde an die steilen Flanken des Bergs geklebt.

Meine Gruppe würde erst um 7 Uhr die Ruinen besuchen und ich sollte diese dann um 8 Uhr irgendwo treffen. So erkundete ich erstmal für zwei Stunden die Ruinen auf eigene Faust, bevor ich dann um 8 Uhr tatsächlich und ziemlich zufällig meinen Guide und die Gruppe fand. Der Guide erklärte irgendwelche Sachen zu Machu Picchu an welche ich mich nicht mehr erinnern kann, denn ich war hauptsächlich damit beschäftigt meinen Magen irgendwie unter Kontrolle zu halten und mir einen Notfallplan auszudenken. Leider wird ganz Machu Picchu sehr gut bewacht und mit dem Notfallplan war es nicht ganz so einfach. Eine Lösung habe ich dann doch noch gefunden, dafür meine Gruppe natürlich wieder verloren und dann halt auch den Rest der eindrücklichen Ruinen selbst erkundet. Aber es hatte so viele Gruppen, dass es einfach war an ein paar Erklärungen zu kommen wenn ich mich einfach zu einer Gruppe dazu stellte.
Nach einem aufregenden Morgen in Machu Picchu ging es dann an die Rückreise und nach 2 Stunden Fussmarsch, 6 Stunden in der Blechkiste erreichte ich Cusco ziemlich erschlagen. Machu Picchu wird mir sicher noch lange in Erinnerung bleiben.

Nach ein paar weiteren Tagen Müssiggang in Cusco gings dann langsam aber sicher gegen die bolivische Grenze zu. Unterwegs gab es aber noch etliche kleine Inkaruinen zu besuchen und auch ein Besuch der berühmten Rainbow Mountains wollte ich mir nicht entgehen lassen. Leider spinnen die Tourenanbieter auch hier und jeder will der erste am Berg sein, um die Menschenmenge die wärend dem Morgen dann eintrudelt, zu entgehen. Daher starten die Tours zum Teil schon um 4 Uhr von Cusco aus. Am Morgen tummeln sich dann wieder einige Hundert Gringos auf dem kleinen Aussichtspunkt und bekämpfen sich mit den Selfiesticks. Dafür ist Nachmittags niemand mehr am Berg. Der Plan den Berg alleine, nachmittags zu besuchen schlug allerdings fehl, denn als ich endlich den Startpunkt der Wanderung erreicht hatte tobte ein düsteres Gewitter um die Rainbow Mountains und ich musste im Besucherzentrum ausharren. Also besuchte ich den Berg halt doch auch Morgens und schaffte es immerhin gut eine halbe Stunde vor der ersten Tourgruppe oben zu sein und die Aussicht zu geniessen. Kaum war die erste Gruppe da machte ich mich auf den Rückweg durch das rote Tal, denn der Selfiestickkrieg war mir dann doch zu gefährlich. Das Rote Tal war mindestens so eindrücklich wie die Regenbogenberge, aber da man dorthin noch ein paar Schritte mehr laufen muss und das Tal offenbar nicht Instagramtauglich ist, war ich alleine dort.

Wenige Tage später trudelte ich in Juliaca ein und da durfte natürlich ein Besuch bei Giovannis Casa del Ciclista nicht fehlen. In der gemütlichen Casa herrschte eine ausgelassene Stimmung und dank dem Geburi von Luisa und der Casa del Ciclista selbst, füllten wir unsere Energiereserven vorallem mit Kuchen auf 🙂 Mit dem Kolumbianer Juan Carlos zusammen gings dann weiter entlang des Titicacasees. Wir entschieden uns für das verkehrsreiche und landschaftlich uninteressante Südufer des Sees, denn wir wollten die eigenartigen schwimmenden Inseln der Uros besuchen. Die Uros leben auf schwimmenden Inseln welche sie aus Schilf bauen, wenige Kilomenter auf dem See vor Puno. Mit unserer ‚private Tour‘ besuchten wir die Insel der Familie von Jordi. Auf ihrer Insel leben 4 Familien zusammen auf nur wenigen Quadratmeter. Jede Familie hat eine Schilfhütte und zusammen haben sie eine gemeinsame Küche und Toilette draussen. Nebst ein Bisschen fischen leben die Uros heute fast ausschliesslich vom Turismus, denn auch hier besuchen Hunderte Touris die Inseln täglich. Uns gefiels gut auf der Insel und wir blieben gleich über Nacht.
Nun war Bolivien nur noch einen Katzensprung weit entfernt und wenige Tage später standen wir vor dem Grenzbeamten welcher uns ohne nervige Fragen für 30 Tage in Bolivien einstempelte.

Peru war sicher eines der intensivsten Ländern um mit dem Fahrrad zu bereisen. Gut, ich hätte es mir auch etwas einfacher aber dafür auch um einiges langweiliger gestalten können. Die extremen Höhen, das trockene Klima und die Abgeschiedenheit machten das Velofahren anspruchsvoller als zuvor. Dafür wurde ich belohnt mit den wohl eindrücklisten Landschaften welche ich je bereist hatte. Und nicht nur für ein paar km in einem Nationalpark, sondern manchmal während Tagen und das ohne weiteren Besucheransturm. Und nach gut 3 Monaten im Land habe ich noch lange nicht alles gesehen was es zu sehen gäbe und es gäbe auch hier wieder viele Gründe nochmals zurück zu kommen.

Andererseits ging mir Peru auch tierisch auf den Wecker. Die Autofahrer sind mit Abstand die schlimmsten bis jetzt und es hatte immer oberste Priorität, möglichst auf verkehrsfreien Wegen unterwegs zu sein um mein Leben nicht täglich aufs Spiel zu setzen. Und die Hunde! Die peruanischen scheiss Hunde! Genau so mühsam wie die Autofahrer…. Das muss ich wirklich nicht nochmal haben, daher ist es jetzt auch gut nicht ganz alles von Peru gesehen zu haben und es geht jetzt erst mal nach Bolivien!

3 thoughts on “Peru 2 (9.8.-28.9.)”

  1. Hallo Christian,

    ….der Papst hat schon recht, wenn er sagt, daß er vom Ende der Welt kommt! Genauso hab ich mir das Ende vorgestellt!

    Wie war es denn so bei der Familie von Danni? i

    Ich habe gehört, daß Du das Gelände vorzeitig verlassen hast wegen Frauenüberschuß??!! Erzähl doch mal die Geschichte aus Deiner Sicht… du schreibst schon sehr spannend!!
    Ansonsten wünsche ich Dir mal eine entspanntere Phase bei einer guten Piste!

    Schöne Grüße aus Berlin

    von Motte

    1. Hallo Motte

      hahaha wer war denn dein Informant?
      Ja die Geschichte aus meiner Sicht kommt „bald“. Ich habe ja jetzt viel Zeit mit dem Blog endlich aufzuholen.
      Liebe Grüsse nach Berlin und bleibt gesund.

  2. Chris, wonderful story, funny, a good explanation of how tough it is to ride the bike through the mountains. What a neat thing that you got to explore places unseen by most tourists. Yeah, the selfie stick wars have gotten out of hand in a lot of places like Macchu Pichu.

    I agree with you 100% about the Peruvian drivers being the worst, the most careless and dangerous.
    Ride safe!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.