COVID-19: Ein Virus übernimmt die Reiseplanung

Coyhaique – Seftigen (14.3.-19.3.2020)

Corona ist zwar noch nicht vorbei und vergessen, aber nun doch schon nicht mehr ganz so neu und aufregend wie noch vor einem halben Jahr. Trotzdem möchte ich euch keinesfalls das vorläufige Ende des Veloreisli Abenteuers in Amerika vorenthalten.

Ich war nun also in diesem Coyhaique gelandet. Es war eine ganz nette, kleine Stadt. Der Campingplatz lag nahe an einem fischreichen Fluss und mit anderen Reisenden war die Stimmung ausgelassen und lustig. Es gab nichts zu beanstanden. Nach ein paar Tagen ausruhen und angeln machte ich mich daran, meine Essensvorräte und Bargeldreserven aufzufüllen und mich auf den Weg, die letzten rund 600 km auf der schönen Carretera Austral in Angriff zu nehmen und viele der Highlights Patagoniens zu besuchen. Klar, die Nachrichten vom Chaos in Europa wegen dem neuen Coronavirus vernahmen wir auch hier. Auch gab es nun einen ersten Fall in Südamerika, irgendwo weit weg in Brasilien. Es kümmerte uns nur bedingt, diese neue Grippe und wir machten Witze darüber und waren uns sicher, dass wenn das Virus sich auch in Südamerika ausbreiten würde, wir hier in diesem wohl abgelegensten Winkel der Welt davon kaum betroffen sein würden.
Kurz vor meiner Abfahrt aus Coyhaique telefonierte ich noch mit meiner Schwester zu Hause, da ich nicht abschätzen konnte, wie schlimm die Situation zuhause wirklich wäre. Auch sie meinte, es sei alles wohl halb so schlimm und kein Grund zur Sorge und würde wohl bald wieder vorbei und vergessen sein. Ich konnte also beruhigt meine Reise fortsetzen.

Irgendwie gings mir aber genau an dem Tag nicht all zu gut, denn mein Magen machte mir zu schaffen und ich besuchte das baño noch einige Male bevors endlich weiter ging. Schnell war ich definitiv nicht unterwegs an diesem Tag. Unterwegs traf ich – schon wieder – auf Tom und Luba und wir fuhren den Tag gemütlich zusammen südwärts. Wegen meiner Magenverstimmung machte ich früh Halt und zog einen Campingplatz mit Toilette dem Wildzelten im Wald vor und verabschiedete mich von meinen Weggefährten.

Nun gings dann plötzlich ganz schnell. Wahrscheinlich viel zu schnell für so manchen Radreisenden der sich an ein Leben in Langsamkeit gewöhnt war, jedenfalls viel zu schnell für meinen Geschmack.

Mit Wifi Zugang auf dem Campingplatz trudelten die News und Gerüchte nur so ein, dass ich kaum nach kam mit lesen. Es dauerte nicht lange bis auch die Info durch kam, dass Argentinien im Begriff war die Grenzen dicht zu machen und das obschon das Land noch kaum Coronafälle hatte. Mit geschlossenen Grenzen machte eine Weiterfahrt keinen Sinn mehr, denn um Ushuaia zu erreichen musste ich noch ein paar mal die Grenze überqueren und zwischen Chile und Argentinien hin und her wechseln. Je später am Tag, desto mehr Gerüchte über mögliche Massnahmen in Argentinien und Chile machten ihre Runde in den Medien und sozialen Netzwerken.

Tags darauf hatten Tom und Luba umgedreht und wir trafen uns auf diesem Campingplatz und versuchten mit vereinten Kräften, unsere Optionen zu eruieren und die Entwicklungen in Chile und Argentinien zu beobachten.

Das Gerücht über die sofortige Schliessung der argentinischen Grenzen drängte auf eine rasche Entscheidung, in welchem Land wir uns wohl für eine längere, unbestimmte Zeit aufhalten wollten. Für Luba und Tom war dies eher Chile, denn mit den Hunden konnten sie nicht einfach so schnell über die Grenze. Ich fand Argentinien attraktiver, denn dort hatte ich Verwandte wo ich Unterschlupf finden konnte und das grosse Land bot auch mehr Möglichkeiten sich fortzubewegen als das schmale Chile. Am Abend dann die offizielle Bestätigung, dass die Grenzen ab dem nächsten Morgen geschlossen sein würden. Die nächste Grenze lag nur 25 Kilometer weit weg und war noch bis 22:00 geöffnet. Ob ich die Entscheidung all zu rational getroffen hatte bezweifle ich, denn bei uns dreien lagen die Nerven langsam aber sicher blank. Aber ich wollte es versuchen, mich in den nächsten Tagen durch Argentinien durch zu schlagen und wieder gut 2000 Kilometer weiter in den Norden nach Cafayate zu fahren. Ich packte in Rekordzeit und relativ hektisch mein Zelt und allen Kram zusammen und irgendwie auf das Velo und verabschiedete mich auf unbestimmte Zeit von den beiden. Wie der Blitz schoss ich über die stockdunkle Landstrasse mit kraftvollem Rückenwind der Grenze entgegen. Ich hatte noch knapp 1.5 Stunden um die Grenze zu erreichen, nicht ganz sicher ob diese überhaupt noch geöffnet war.

Nach einem wilden Rennen gegen die Zeit stand ich immerhin noch 10 Minuten vor dem Schliessen am Grenzposten. Die chilenischen Beamten waren sehr überrascht über meine späte Ankunft und empfahlen mir, am nächsten Tag bei Tageslicht zu überqueren – sie hatten keine Ahnung von der bevorstehenden Schliessung. Die argentinischen Beamten genau so wenig. Es dauerte eine Weile, bis sie meine Situation verstanden hatten und ich in den letzten 5 Minuten der noch offenen Grenze mit dem Grenzübertrittprozedere begann.

Nach einer Nacht wenige Kilometer nach der Grenze in der Pampa, fuhr ich am nächsten Morgen zurück, um meine Wasserflaschen aufzufüllen (für eine sehr lange Fahrt quer durch die argentinische Pampa) und die neuesten Nachrichten über das WLAN zu erhalten.
Über Nacht wurden neue Massnahmen bestätigt und Unmengen von Gerüchten verbreiteten sich schnell. Jetzt plante auch Chile, seine Grenzen zu schliessen und alle Inlandreisen mit dem Flugzeug, Bus oder was auch immer auszusetzen. In Argentinien sprach man von einem sofortigen, landesweiten strikten Lockdown ohne jegliche unbegründete Fortbewegung. Etwas entspannter und klarer im Kopf als am Tag zuvor, überlegte ich, ob nicht doch Chile die sicherere Variante wäre, hauptsächlich wegen der Unsicherheit, in der argentinischen Pampa stecken zu bleiben, bevor ich einen vernünftigen Ort erreichen würde, um die Krise abzuwarten. Cafayate überhaupt jemals noch zu erreichen sah ich nun als eher unwahrscheinlich an.

Nachdem ich einige Zeit die Optionen abgewogen hatte, stand ich wieder an demselben Schalter wie wenige Stunden zuvor schon, diesmal aber mit der argentinischen Polizei beginnend. Wenig später stand ich zwar noch am gleichen Ort, war aber nun offiziell wieder Tourist in Chile 🙂 Und so nahm ich die Landstrasse ein weiteres mal unter die Räder, diesmal in den brutalen Gegenwind hinein und dem altbekannten Städtchen Coyhaique sehr sehr langsam entgegen. Ein Minibusfahrer hat mich dann irgendwann aufgeladen und mitgenommen. Aber als ich ihm sagte ich sei aus der Schweiz hat er sich sofort eine Schutzmaske angezogen. Dass ich seit Monaten in Chile war, war ihm ziemlich egal. Die Europäer waren nun wohl einfach generell virusinfiziert :/ Und ich fragte mich, was wohl die Ronda unternommen hätte in dem Fall ;D

Wieder mit Tom und Luba, versuchten wir auch in Coyhaique einen schlauen Plan auszuhecken um diese Krise irgendwie möglichst ohne Schwierigkeiten durchstehen zu können.

Die Unsicherheit und die Menge an Gerüchten machten es schwierig, gute Entscheidungen zu treffen und wir kamen nicht wirklich voran. Die Regierungen auf der ganzen Welt verschärfen nach und nach die Massnahmen und ich hatte das Gefühl, dass wir möglicherweise nicht zu einem Plan fanden, bevor Pläne für uns gemacht würden. Wir hatten einfach nicht genug Zeit. Niemand konnte vorhersehen, wie sich das alles entwickeln würde. Und als Ausländer, nur mit Fahrrad ausgerüstet und ohne feste Bleibe, fühlte ich mich schon etwas verletzlich und der Situation ausgeliefert. Wir hatten die Möglichkeit, weiter nach Norden zu fahren und in der Hütte von Gabriel abzuwarten (vielen Dank Gabriel für das super Angebot!). Dort wären wir weg vom sich anbahnenden Chaos gewesen und niemand würde uns plötzlich rausschmeissen oder belästigen. Denn immer mehr Geschichten machten die Runden, dass die unglückbringenden europäischen Velofahrer zum Teil nicht mehr in Verkehrsmittel, Einkaufsläden oder Unterkünften toleriert wurden. Ja sogar Geschichten von nächtlichen Ausweisungen aus Dörfern durch die Polizei machten die Runde.

Letzter Tag in Coyhaique mit Tom, Luba und Jessica.
Foto: stepoutandexplore.com

Ich traf schliesslich die Entscheidung, so schnell wie möglich nach Santiago zu fliegen, um von dort aus zur Hütte zu gelangen, bevor die Strassen gesperrt und der Transport eingestellt würde. Nach Hause gehen war für mich keine Option. Was wäre der Unterschied zu Hause oder hier in Chile abzuwarten? Wenn die ganze Sache nicht zu lange dauern würde, hätte ich nicht einmal Zeit, mich hier in den wunderschönen chilenischen Bergen zu langweilen. Ich war sehr zuversichtlich, es in Zentralchile abzuwarten und dann weiter nach Süden zu fahren, sobald alles vorbei war. Eine Rückkehr nach Europa schien jetzt ohnehin unmöglich, da mir die Nachrichten und auch lokale Reisebüros versicherten, dass der internationale Flughafen bereits geschlossen war und es keine Flüge mehr gäbe. Auch beim Schweizer Aussendepartement wollte man nichts von allfälligen Rückhohlflügen wissen. Das EDA würde sicher keine Flüge für Reisende organisieren, hiess es. Die Reisenden währen für sich selbst verantwortlich. Naja, mittlerweile wissen wir, dass nur wenige Wochen später die „grösste Rückholaktion der Geschichte“ gestartet wurde.

So rannte ich einen Tag lang durch die Stadt um geeignete Kisten für das Fahrrad und die Ausrüstung zu finden. In der Mülltonne eines Verkaufsgeschäfts fand ich genügend Pappkartons und mit Hilfe von zwei Klebebandrollen war mein Gepäck abends fertig und ich konnte nur noch hasta luego und suerte wünschen, ein bisschen schlafen und mich auf den Weg zum nahegelegenen Flughafen machen.

Durch eine WhatsApp-Gruppe erhielt ich die Bestätigung (von einem anderen Radfahrer, der tatsächlich selbst dort war), dass der internationale Flughafen noch geöffnet war und einige wenige Flugzeuge auch nach Europa abflogen. Als ich die Flüge überprüfte, fand ich einen, der mich zurück nach Paris und dann nach Zürich bringen würde – wenn er denn fliegen würde.
Obschon ich guter Dinge war, diese Krise in Chile durchzustehen, war ich mir auch bewusst, dass dies sehr wahrscheinlich die letzte Möglichkeit war, nach Hause zurück zu kehren.

Und so änderten sich die Pläne auf dieser Tour noch einmal und ohne Zwischenfälle fand ich mich zwei Tage später in der Schweiz wieder – mitten im landesweiten „Lockdown“.

Niedergelassen hatte ich mich erstmals auf dem Bauernhof bei meiner Schwester auf dem Land. Weg vom gefährlichen Virus und mit der Möglichkeit, sich frei draussen zu bewegen, ohne engen Kontakt zu anderen zu haben. So wurde viel Zeit damit verbracht, bei der Arbeit auf dem Bauernhof mitzuhelfen, längst überfällige Projekte zu starten, mit den Kindern zu spielen und die Zeit mit der Familie zu geniessen, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Ein sehr guter Ort, um die Pandemie abzuwarten.

Rückblickend auf die nervenaufreibenden letzten Tage in Chile (und eine Nacht in Argentinien) verlief am Ende alles relativ reibungslos. Der grösste Ärger war die unbegrenzte Verbreitung von Gerüchten und falschen Informationen und dass alles so unglaublich schnell passierte. Es war fast unmöglich, verlässliche Informationen über irgendetwas zu bekommen. Niemand wusste etwas sicher, jeder vermutete und verkaufte Gerüchte als Fakten. Dies machte den gesamten Entscheidungsprozess so hoffnungslos und ich war froh, wieder in einem Land zu sein, in dem alles ein bisschen (na ja, eigentlich viel) organisierter ist und Informationen zuverlässiger sind – auch wenn uns auch hier Corona wohl noch eine Weile auf Zack, oder besser gesagt Abstand halten wird.

Etwas erträglicher gemacht wurde die ganze Situation dadurch, dass ich immerhin nicht ganz alleine war 🙂 Tom und Luba waren genau im selben Boot und wir versuchten es zusammen eine gute Lösung zu finden, auch wenn wir schlussendlich getrennte Wege gingen. Gabriel und Daniela unterstützten mich intensiv mit Tipps, Ideen und dem Angebot in ihrer Hütte abzuwarten. Von zuhause aus versuchten auch meine Eltern Möglichkeiten auszuloten und Rückreiseoptionen zu eruieren und an etwas verlässlichere Infos zu kommen. Vielen Dank euch allen für die Unterstützung!

Ihr fragt euch ja vielleicht auch, was die anderen Radfahrer mit welchen ich noch unterwegs war schlussendlich gemacht haben.

  • Tom und Luba entschieden sich wenige Tage später auch fürs heimkehren und erreichten die Slowakei auf abenteuerliche Weise.
  • Jessica kehrte ein paar Wochen später in die USA zurück.
  • Juan Carlos harrte 4 Monate in Osorno, Chile aus und ist nun schlussendlich aber doch auch nach Kolumbien zurück gekehrt.
  • Sara aus Australien ist noch immer in Kolumbien und will nach Möglichkeit nach Europa fliegen und hier weiter reisen.
  • Jenny wohnt seit April in einer Feuerwehrstation an der Carretera Austral und wartet weiter ab.
  • Lalo ist noch vor dem grossen Chaos zurück nach Santiago geradelt.
  • Nico & Markus waren schon lange wieder in der Schweiz zurück.
  • Laurence konnte etwas später mit einem Rückholflug von Santiago in die Schweiz zurück kehren.
  • Vivianna hat einige Monate in Paraguay ausgeharrt und ist schlussendlich auch nach Kolumbien zurück gekehrt.

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