Dempster Highway

Der Dempster Highway ist eine 740 km lange ungeteerte Strasse. Er beginnt in der Nähe von Dawson City und endet in Inuvik – fast am arktischen Ozean. Der Dempster Highway wird als eine der „letzten Abenteuerstrassen“ Nordamerikas beschrieben. Grund genug, dass wir da auch hin wollten. Ausserdem wollte Christian auch unbedingt bis zum arktischen Ozean fahren – er hat ja auch vor, bis ganz in den Süden nach Ushuaia zu fahren.

Teil I (Christian und Christina)

Zur Vorbereitung der Reise gibt es in Dawson ein Besucherzentrum. Sie wissen Bescheid über den aktuellen Strassenzustand und haben viele weitere nützliche Infos. Für Velofahrer bieten sie sogar den Service, ein Essenspaket nach Eagle Plains zu liefern. Eagle Plains liegt auf halber Strecke, ist Tankstelle, Hotel, Bar und Campingplatz in einem. Sie haben uns auch darüber informiert, dass wir unbedingt darauf achten müssen, nur im Bärenfass Essen zu transportieren, da es auf der Strecke sehr gwundrige Bären gäbe.

Wir haben also ein Essenspaket gepackt, unser Essen bärenfest verpackt, etwas Gepäck wie beispielsweise Laptop und Bikini in Dawson deponiert und sind gegen Mittag endlich gestartet. Die ersten beiden Nachtplätze sind durch offizielle Campingplätze gegeben, die dritte Nacht wollten wir irgendwo verbringen und die vierte dann in Eagle Plains.

Die ersten vierzig Kilometer folgt man dem Klondike Highway und biegt dann auf den Dempster Highway ab. Hier haben wir das erste Mal abgekürzt und und bis zur Abzweigung mitnehmen lassen. Ich war etwas besorgt über die erste Tagesetappe auf dem Dempster, da das Höhenprofil ziemlich anstrengend aussieht; 72 km bergauf! Tatsächlich war es dann einfach eine stetige leichte Steigung und gar nicht so anstrengend. Die erste Etappe war wirklich schön! Christian meinte zwar „chli viu Böim für mi Gschmack“ aber mir hat es sehr gefallen. Zum ersten Mal waren die Fichtenbestände etwas höher (Oberhöhe 30 Meter) – teilweise sah es aus wie im Oberland. Immer wieder konnten wir auch Biberdämme anschauen. Somit hatten wir diese typischen Kanadabilder mit Wasser, Wald, Bergen und Sonne.

Nach einigen Kilometern erreicht man den Tombstone Territorial Park. Tombstone ist ein Berg der an ein Grabstein erinnern soll. Sieht etwas aus wie eines der Engelhörner – mich hat das dann nicht so von den Socken gehauen.. Neben dem Besucherzentrum gibt es einen Campingplatz wo wir die erste Nacht gecampt haben. Kurz vor sieben Uhr sind wir auf dem Camping angekommen. Gleich um sieben hat dann eine geführte Wanderung, organisiert vom Park, begonnen. Es hat gerade noch gereicht, die Velohosen zu wechseln und schon gings los! Christian hat unterdessen das Zelt aufgeschlagen, er hatte keine Lust auf den Spaziergang. Ich war dann nach der Tour auch ziemlich erschöpft – trotzdem hat es sich gelohnt: Wir wanderten auf einen Aussichtspunkt und unterwegs gab es immer wieder Infos zu Flora, Fauna der Tundra und der Geologie der Region.

Vom Aussichtspunkt konnte ich auch sehen, dass der Pass, welchen wir am nächsten Tag zu bewältigen hatten, gar nicht mehr weit ist. Tatsächlich ging es dann noch eine knappe Stunde bergauf und danach war es ziemlich angenehm zum Fahren. Auch Verkehr gab es kaum, circa alle zwanzig Minuten begegneten wir einem Auto, Camper oder Töff. Die nächste Herausforderung hat auch nicht lange auf sich warten lassen. Wir fuhren gemütlich durch die Landschaft und langsam brummte und summte es um uns. Es begann mit grossen schwarzen Fliegen/Brämen?, die auch plötzlich stechen aber bald wieder verschwinden. Danach wurde ich von kleinen schwarzen Fliegen befallen, immerhin stechen sie nicht, sind aber ziemlich hässlich! Irgendwie scheinen sie meine schwarzen Velohosen zu mögen. Die hatte ich immerhin vor zwei Tagen gewaschen, sie konnten also gar nicht so stinken. Solange ich fuhr, kleben sie an meinen Hosen, hielt ich aber an, schwirrten sie wie wild um mich. Wääääh!

Es folgte ein weiterer Pass: Windy Pass. Wobei erwähnt werden muss, dass wir nur knapp dreihundert Höhenmeter steigen mussten. Danach gings nur noch „ds Loch ab“ zu unserem Campingplatz. Die Strasse führte durch eine weite Schlucht und dort sahen wir zum ersten Mal Mountaingoats direkt auf der Strasse – es waren Weibchen mit Jungen. Mich hat das sofort an die „Saaner Geess“ aus Holz in der Kurve zwischen Saanen und Schönried erinnert.

 

 

 


Nach 122 Kilometern sind wir auf dem Camping angekommen. Es war über dreissig Grad an diesem Tag, wir waren also ziemlich erledigt am Abend. Dazu kamen dann auch noch viele lästigen Mücken auf dem Platz. Christian wollte endlich mal fischen gehen. Wegen den Mücken hat er es aber nicht länger als eine halbe Stunde ausgehalten. Somit gab es einmal mehr Reis mit Linsen zum Znacht. Der Campingplatz lag neben dem Engineer Creek. Dessen Wasser ist wegen einer Schwefelquelle rot gefärbt. Das Wasser hätte man zehn Minuten abkochen müssen. (Wir wurden eigentlich auf dem vorderen Campingplatz gewarnt, dass wir schauen müssen, vor dem Engineer Creek noch Wasser aufzufüllen. Wir waren aber eben viel zu schnell schon an diesem Fluss.) Zum Glück waren wir auf diesem Campingplatz nicht alleine, so ging ich eben auf Betteltour für Wasser…

Am nächsten Tag hatten wir eigentlich vor, eine kürzere Etappe zu fahren. Schon nach wenigen Kilometern wurden wir von entgegenkommenden Autofahrern gewarnt, dass wir durch eine Waldbrandzone fahren müssen. Wir sind also zuerst gemütlich vierzig Kilometer entlang dem Ogilivie Fluss gefahren. Uns wurde gesagt, dass wir dort wo es bergauf geht, nicht weiter fahren sollen. Das habe ich natürlich gerne gehört 🙂 Das Feuer würde direkt an der Strasse brennen und der Bereich mit viel Rauch sei mehrere zehn Kilometer lang. Wir haben beschlossen, Autostopp zu machen. Bei so wenig Verkehr mussten wir eine Stunde warten, bis endlich ein Fahrzeug kam, das Platz genug hatte, uns mitzunehmen. Es war dann zum Glück sogar die Strassenpatrouille. Der Fahrer wollte schauen, wie sich die Feuersituation entwickelt hatte. Wir konnten dreissig Kilometer mitfahren. Das Feuer direkt an der Strasse war nur klein und tatsächlich brannte der Wald am Strassenrand. Es gab aber viele verteilte kleine Brandherde – zum Teil brannte Wald – zum Teil „nur“ der Boden. Von unserem sicheren Fahrzeug war das sehr beeindruckend zu beobachten. Wahrscheinlich wäre das eigentliche Feuer für uns nicht das Problem gewesen, teilweise konnte man gerade wegen dem Rauch nur wenige Meter weit sehen.

Auch als wir wieder selber fahren mussten, war es noch sehr rauchig. Trotzdem konnten wir aber weiter fahren. Nun hatten wir aber das Problem, dass wir selber ja erst vierzig Kilometer gefahren sind und daher noch genügend Reserven hatten, weitere fünfzig Kilometer zu fahren. Nach dieser Strecke war natürlich weit und breit weder Campingplatz noch Wasser in Sicht. Ausserdem war es so windig, dass zwar das Zelt hätten aufstellen können, dann aber direkt hätten rein gehen müssen, weil man es ohne Windschatten draussen nicht ausgehalten hätte. DILEMMA! Wir wussten, dass wir noch sechzig Kilometer bis zum nächsten Camping vor uns hatten. „Locker – das mache mr!“ Ja super! Der Wind kam leider aus der falschen Richtung. Auch die Strasse war gegen uns! Schotter geht ja noch, aber ausgerechnet in diesem Abschnitt war es sandig – und natürlich auch nicht flach. Wasser hatten wir fast keines mehr und da es kaum Verkehr hatte, konnten wir auch niemanden anhalten. Nach hundert Kilometer hatten wir also immer noch fünfzig zu fahren! Ich suche mir dann jeweils vergleichbare Strecken – bei dreissig Kilometer also Interlaken – Meiringen. 25 Kilometer Thun – Wimmis – Thun. Und irgendwann die letzten fünf Kilometer gehen sowieso immer noch. Oder ich versuche, die nächsten vier Kilometer nicht auf den Velocomputer zu schauen. Wenn es bergauf geht, eben erst genau nach einem Kilometer wieder zu schauen.. Naja abends um zehn haben wir es dann geschafft und zu unserem Glück war die Bar noch geöffnet! Ich hatte noch selten so Lust auf eine Cola. Es war dann weit nach Mitternacht, bis wir endlich das Zelt aufgestellt, gekocht und geduscht hatten und in die Schlafsäcke schlüpfen konnten.

Im Nachhinein sind wir natürlich schon stolz, haben wir trotz der mühsamen Bedingungen, diese Monsterstrecke geschafft.

 

Teil II (Christian)

Am nächsten Morgen ging es dann darum, unser für 2 Personen optimiertes Gepäck für 1 Person anzupassen. Dies hiess für mich, dass ich ab jetzt zusätzlich noch diesen Bärenkanister, Wasserfilter und Kochtopf irgendwo verstauen musste. Gesagt getan, irgendwie hat schlussendlich alles in meinen Taschen Platz gefunden.

Die ersten Kilometer waren sehr angenehm zu fahren – alles bergab bis zu einem kleinen Bach. Danach ging es aber richtig los. Mit ständigem Gegenwind ging es Richtung Polarkreis. Da es nun kaum mehr Bäume hatte und der Wind relativ stark war, schrumpfte meine Fahrgeschwindigkeit immer mehr. So schlich ich mit gut 8 km/h meinem Schlafplatz am Rock River entgegen. Die Landschaft auf dieser Strecke war sehr schön. Endlich mal keine Bäume mehr sondern nun ein paar kleine Büsche und schöne rosarote Blumen am Strassenrand.

In Rock River war ich der einzige Camper an diesem Abend. Daher schaute ich natürlich besonders gut darauf, alles Bärensicher zu verstauen. Aufgrund des starken Gegenwindes wollte ich eigentlich schon mitten in der Nacht wieder weiter fahren, da dann der Wind meist am schwächsten war. So stellte ich den Wecker auf 4 Uhr und wachte dann auch blitzartig um 9 Uhr auf. Kurz darauf hatte der Wind dann auch wieder seine volle Stärke erreicht.

Nun stand ein mühseliger Tag an: mit unglaublich starkem Gegenwind ging es darum, den Wright Pass, die Grenze zu den Northwest Territories, zu erklimmen. Mit gut 4 km/h und regelmässigem Fluchen ging es dem Pass entgegen. Auf dem Pass wurde ich mit wunderbarer Aussicht auf die Northwest Territories belohnt. Wegen des Windes und der Kälte machte ich nur kurz halt und düste dann sofort mit sagenhaften 10 km/h den Pass runter. Auf halber Strecke traf ich die beiden French-Canadians welche versucht hatten den neuen Highway von Inuvik nach Tuktoyaktuk zu fahren. Leider mussten diese nach gut 30 km umdrehen, da sie im tiefen Schlamm stecken geblieben sind. Also hatte ich immer noch die Chance wohl der erste zu sein, der den Highway (der erst im November eröffnet wird) als erster mit dem Velo zu fahren!

Eigentlich wollte ich an diesem Tag bis zur ersten Fähre am Peel River fahren und dann dort campieren. Jedoch war der Wind so stark, dass ich rund 20 km vor der Fähre halt machte. Ich strandete bei Midway Lake. Midway Lake ist ein ehemaliges First Nation Dorf, welches nun aber verlassen ist. Jedoch findet dort im August jedes Jahres ein Festival statt. Die Bühne steht daher permanent mitten im Dorf.

In Midway Lake traf ich auf Charlie und seine Freunde, welche für eben dieses Festival ein neues Häuschen bauten um dann während des Festivals darin zu wohnen. Ja genau, dort wird nicht gezeltet sondern man baut sich sein kleines Häuschen. Wir haben dann noch ein Bisschen am Häuschen gezimmert bevor es dann Fisch zum Abendessen gab.

Die kleinen Schwarzen Fliegen welche überall auf mir herumkrapelten haben mit damals noch nicht gross gestört. Jedoch habe ich dann sehr schnell bereut, keine langen Hosen anzuziehen. Diese Sandflies reissen kleine Fleischstückchen aus einem heraus, was dann später zu hässlichen Infekten und Blasen führt und ordentlich juckt und saftet.

Nach einer stürmischen Nacht in Midway Lake habe ich es dann am nächsten morgen doch geschafft um 7 Uhr auf dem Velo zu sitzen um dann die erste Fähre am Peel River um 9 Uhr zu erwischen. Ich war dann auch pünktlich um 9:15 Uhr an der Fähre. Leider war der Wind so stark, dass die Fähre den ganzen Tag nicht in Betrieb war.

Nach und nach wurde die Schlange an der Fähre immer länger und gegen Abend waren dann wohl so um die 50 Trucks, Camper und Autos da, welche alle auf die kleine Fähre wollten. So verwandelte sich halt der Highway langsam aber sicher zu einem improvisierten Campingplatz. So traf ich dann auch auf John & Jan from Denver, welche mit dem Camper gegen Inuvik wollten. Die beiden kümmerten sich dann gut um mich und schauten dass ich warm, Kaffee, etwas zu Essen und zum Lesen hatte.

Am nächsten Morgen ging es dann endlich weiter. Vorbei an der Ortschaft Fort McPherson ging es weiter zur nächsten Fähre. Diese brachte mich in das kleine Dörfchen Tsiigehtchic. Wiederum ein First Nation Dorf. Hier war das Highlight das Baseball spielen am Abend am Strand. So versammelte sich gegen Sieben Uhr dann wirklich das gesamte Dorf zum schwimmen, Kanu fahren, bräteln und Baseball spielen am Strand. Nachdem ich den Kindern dann gefühlte 1000 mal erklärt hatte wieso ich kein Auto habe und wo ich mein Velo gekauft habe und wieso ich einen Kocher brauche und was ich esse und und und schnappte ich noch die letzte Fähre ans andere Ufer, wo der Highway dann weiter ging Richtung Inuvik.

Nach einer Nacht direkt am Fährhafen nahm ich die letzten, ziemlich langweiligen 130 km nach Inuvik unter die Räder. Die Strecke war relativ eintönig und hatte etwa 2 Kurven. Ich hatte zwar endlich mal kein Wind mehr, wünschte mir aber diesen nun sehnlichst zurück: Auf dieser Strecke wurde irgendwas an der Strasse gebaut und daher fuhren gefühlte 1000 Lastwagen mit Vollgas über die Piste und wirbelten Unmengen an Staub auf. Da es heute windstill war, blieben die Staubwolken dann leider auch minutenlang über der Strasse hängen was das Velofahren nicht sehr angenehm machte. Aber ich bin dann noch mal noch in Inuvik angekommen. Alles in Allem war das dann doch gar nicht so eine wilde Sache dieser Dempster 😀

Nach einer angenehmen Nacht mit Dusche und Bett wollte ich mir am nächsten Tag mal diesen Highway nach Tuk anschauen. Da die Strasse noch nicht eröffnet ist und noch aktiv daran gebaut wird, wurde ich mehrmals gewarnt, dass man mit einer „several thousand dollar fine“ rechnen müsse, wenn man die Strasse jetzt schon befahren würde. Dies hat mich dann schlussendlich doch davon abgehalten die letzten 140 km bis ans Polarmeer zu fahren. Es besteht also weiterhin die Chance für Jedermann, der erste zu sein, der die Strecke radelt!

Inuvik selbst hat nicht sehr viel zu bieten. V.a. starten von dort aus die sündhaft teuren Touren nach Tuk – ab 600 $ ist man dabei. Ich war jedoch gerade zu Beginn des Northern Arts Festivals in Inuvik und schaute mir daher etwas nordische Kunst und v.A. die Eröffnungsfeier mit den Drummer&Dancer an. Dabei traf ich auch den Japaner Jimbo, welcher nun seit 8 Jahren mit dem Rad unterwegs ist und nun auch von Inuvik Richtung Südamerika fahren will.

Nach ein paar Tagen in Inuvik, versuchte ich nun wieder irgendwie nach Dawson zu kommen. Auf nochmal 8 Tage Dempster mit dem Rad hatte ich nicht mehr so viel Lust. Nach 2 Tagen Autostop hat mich dann auch gleich ein Lastwagen mitgenommen bis zurück zum Start des Dempster Highways. Die letzten 40 km konnte ich dann noch entspannt mir Rückenwind zurück nach Dawson radeln wo mich Christina bereits erwartete.

1 thought on “Dempster Highway”

  1. Liebe Christina und Christian
    es ist so spannend Eure Berichte zu lesen und zu erfahren, wo Ihr seid und was Ihr alles erlebt. Gerne hoffe ich, dass Ihr auch gesund seid. Emil und ich hatten Zeit, uns in den Bergen aufzuhalten. Ende August verreisen wir für zwei Wochen nach Sardinien, mit Zelt und Velo. Euch weiterhin alles Gute. Herzliche Grüsse, Marianne und Emil

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.