Banff – Bozeman (30. August – 11. September)

Ab Banff begann nun ein weiteres Abenteuer! Die Great Divide Mountain Bike Route führt von Banff über die US-Kanadische Grenze bis nach Mexico. Auf dem Weg gegen Süden wollten wir einige Abschnitte auf dieser Route fahren. Die Route ist in Büchern und Karten ziemlich detailliert beschrieben, es gibt sogar vorgegebene Tagesetappen. Weit ab von jeglichem Autoverkehr führt die Strecke auf Wanderwegen oder Forststrassen durch einsame Wälder.

Nun ging es also los! Ab Banff starteten wir noch auf den Trails der Stadt. Die Route führte zuerst gemütlich dem Bach entlang. Bald wurde es allerdings etwas beschwerlicher. Wir hatten nun erstmals mit Rauch in der Luft zu kämpfen. Sobald das Velofahren zur Anstrengung führt, kratzt der Rauch im Hals und man schnauft automatisch viel stärker.

Mit meinem schwer beladenen Fahrrad kam ich ziemlich schnell an meine Grenzen. Auf flachen Strecken hatte ich keine Probleme, im stotzigen wurde es allerdings ziemlich schnell mühsam. Auf dem Kies musste ich ab einer gewissen Steilheit schieben. Das schwere Gefährt schiebt sich aber nicht so locker, vor allem da man auf dem Kies immer wieder rutscht und dann sind auch noch diese cheiben Taschen im Weg. Innerlich habe ich also gebrodelt 🙂
An einem Parkplatz angekommen war endlich Mittagspause! Hier beobachteten wir dann, wie zwei Pärchen sich ins Bikeabenteuer stürzten. Die beiden Männer vorne weg – testeten fröhlich ihre Bremsen und waren schnell den kleinen Hügel hinunter gedüst. Die beiden Damen folgten etwas langsamer – nach rund fünf Metern geneigter Fahrt bremste die eine Dame und fiel auch prompt hin (im Zeitlupentempo). Sie blieb dann einfach liegen bis die Herren wieder den Hügel hoch kamen. Was war das für ein Drama! (Und das alles geschah direkt vor uns.) Einer tröstete sie, der andere holte die Apotheke und verpflasterte sie. Anscheinend konnte die Fahrt nicht fortgesetzt werden, die verunglückte Dame humpelte zurück zu den Autos und die Männer setzten ihre Fahrt alleine fort. Da konnte auch ich endlich wieder schmunzeln! Auch wir setzten darauf unsere Fahrt fort. Nach 35 Kilometern war auch unser Tag zu Ende. Auf der Great Divide waren unsere Tagesetappen nun viel kleiner – meine Beine allerdings waren müde wie nach einem Tag auf dem Bike.

Die nächsten drei Tage verbrachten wir auf dieser Great Divide Route. Der Rauch war bereits am zweiten Tag viel weniger schlimm und wir waren guter Dinge, aus dem gröbsten Rauch raus zu sein. Dazu später noch mehr! Auf einem kleinen PicNic / Campingplatz direkt am Fluss lernten wir ein Pärchen aus Utah kennen. Vom Mann bekam Christian eine Einführung ins Fliegenfischen. Er kam ziemlich begeistert zurück. Auf dem Bild sieht man, wie wir dort unsere Taschen bärensicher aufhängen konnten.

Am nächsten Tag erreichten wir das erste Dorf – Elkford. Etwa zwanzig Kilometer vor dem Dorf stoppte uns ein Mitarbeiter des Forstdienstes. Er teilte uns mit, dass es nun verboten sei, sich im Backcountry aufzuhalten (wegen Waldbrandgefahr). Man durfte sich praktisch nur noch auf geteerten Strassen/Flächen aufhalten, das schränkte unsere Bewegungsfreiheit ziemlich ein und das Abenteuer „Great Divide“ nahm ein jähes Ende – nun blieben wir halt auf den Strassen!
In der Stadt Sparwood erwartete uns eine gewaltige Sehenswürdigkeit: der grösste Lastwagen der Welt. Es handelt sich dabei um einen Terex 33-19 „Titan“, eingesetzt wurde er in der lokalen Minenindustrie. Er hat sechs Räder und ist grün.
Über den Crowsnest Pass querten wir nun die Rocky Mountains gegen Osten. Ziemlich schnell landeten wir nun in der Prärie – eine komplett andere Landschaft!

Wir fuhren zwei Tage durch die Prärie und wollten dann im Waterton Lake National Park wieder in die Rockies fahren. Wir fuhren also nach Waterton Lake – ein kleines touristisches Dorf an einem schönen See – allerdings ziemlich rauchig. Im Informationszentrum erkundigten wir uns nach der aktuellen Waldbrandsituation; alle Wanderwege waren geschlossen und für das Dorf bestand eine Evakuierungswarnung. Man musste sich bereit halten für eine allfällige Evakuation. Wir gingen dann erst mal in eine Bar und lernten da zwei lustige Kanadier kennen. Sie luden uns dann auch direkt auf ihren Campingplatz ein. Zusammen planten wir einen gemütlichen Abend. Zuerst nahmen wir noch ein Bad im See – ziemlich erfrischend! Dann endlich feuerten wir den (Gas)grill ein und genossen unsere Wirschtleni. Langsam wurde es aber etwas komisch, denn um uns begannen die Leute ihre Habseligkeiten zu packen und den Campingplatz zu verlassen. Wir hatten aber keine Lust unser Zeug schon wieder zu packen und verharrten also der Dinge. Cam (einer der Kanadier) führte uns mehrmals vor, wie man ein Bier mit Trichter und Schlauch trinkt resp. schluckt. Mich beeindruckte das rein physiologisch, denn er schluckte auf diese Art den Inhalt einer Büchse Bier in circa zwei Sekunden! Etwas mulmig war mir dann schon zMuet als wir ins Bett gingen aber es kam in dieser Nacht nicht zur Evakuation. Am nächsten Tag wurde uns vom Campingplatz empfohlen, das Dorf „freiwillig“ zu verlassen.
Wir packten also unser Lager doch zusammen und konnten mit den Kanadiern eine Strecke weit gegen Osten fahren. Wir dachten, somit aus dem Rauch zu kommen. In Cardston angekommen, machten wir uns bereit, wieder mit Muskelkraft weiter zu fahren. Wir füllten unsere Vorräte und fuhren gegen Abend aus der Stadt zu einem nahe gelegenen Campingplatz. Bereits nach fünf Kilometern stoppte uns ein älterer Mann. Randy meinte, es sei sicher ungesund in diesem Rauch zu fahren und bot uns an, uns zu diesem Campingplatz mitzunehmen. Es stellte sich heraus, dass er der Bauer war, welcher sein Land der Gemeinde schenkte, damit sie den Campingplatz einrichten konnten. Unterwegs telefonierte Randy seiner Frau Lynda und fragte sie, ob sie genügend gekocht hätte, damit er zwei „interessante“ Personen zum zNacht mitbringen könnte. Zum unserem Glück hatte sie das! Randy bot uns an, unser Zelt in ihrem Garten aufzustellen. Lynda bot uns dann später sogar ein Gästezimmer an. Dies haben wir dann die nächsten beiden Nächte besetzt. Die Tage bei den beiden waren sehr aufschlussreich, wir lernten viel über die Landwirtschaft in Alberta. Randy führt eine grosse Farm mit 500 Rindern und Ackerbau. An beiden Abenden machten wir „Bildungsausflüge“.

Am ersten Abend führte uns Randy zu einer nahen Huttererkolonie (Hutterer = täuferische Kirche). Hier landeten wir in einer vollkommen anderen Welt! Wir trafen in der Kolonie ein älteres Bauernpaar, sie sprachen deutsch mit uns. Ihre Kleider nähen sie selber (Halblinige & Röcke). Wir trafen sie bei einem Mähdrescher (GPS-gesteuertes Modell). Randy erzählte uns so manches zu ihnen: Die Hutterer sind in der Landwirtschaft die stärkste Konkurrenz, mit ihnen mithalten kann man kaum. Die Hutterer leben in einer Gütergemeinschaft, die Mitglieder einer Kolonie haben somit kein eigenes Geld. Der Gemeinschaft steht das Geld zur Verfügung zum Kauf der neusten Maschinen. Eine Kolonie besteht aus maximal 130 Mitgliedern, sobald diese Zahl an Mitgliedern erreicht ist, halbiert sich eine Kolonie und an einem anderen Ort wird eine neue Kolonie gegründet. Die Kinder gehen in der Kolonie in die Schule. Sobald sie 15 Jahre alt sind, lernen sie einen Beruf in der Kolonie. Sind sie bereit zu heiraten, können die Männer in einer Nachbarkolonie eine Frau suchen. Man kann den Hutterern nicht beitreten, Austritte sind möglich – dementsprechend klein ist der Genpool. Randy schätzt die Hutterer als Arbeiter auf seiner Farm. Oft arbeiten junge Männer bei ihm, sie bestellen dann jeweils Handys zu ihm auf die Farm. Mich hat der Besuch dieser Kolonie ziemlich beeindruckt!

Am anderen Abend besichtigten wir dann noch den Mormonentempel in der Stadt, das war ein gewaltiges Bauwerk! Am nächsten Morgen führte Lynda uns dann zu der US-Kanadischen Grenze „Del Bonita“, dort ging unsere Reise weiter. Wir reisten also wieder in die USA ein und wir setzten unsere Reise fort. Guten Mutes pedalten wir also los! Nach einer halben Stunde stinkte uns das Ganze aber ziemlich. Die Luft war immer noch sehr rauchig! Christian kaufte zwar Rauchmasken aber es war beinahe unmöglich mit diesen Dingern zu fahren. Zwar filterten die Masken den Rauch aus der Luft aber in der Maske schwitzt man ziemlich stark. Nach 40 Kilometern gaben wir unser Vorhaben auf. Wir setzten uns an den Strassenrand und warteten auf eine Mitfahrgelegenheit. In dieser Pampa dauerte es eine knappe Stunde bis endlich ein Fahrzeug kam, der Fahrer hat uns dann aber gleich mitgenommen. Wir konnten die nächsten zwanzig Kilometer mitfahren. Dort fuhren wir per Muskelkraft durchs Dorf und warteten wieder auf die nächste Mitfahrgelegenheit. Hier hatten wir aber weniger Glück, obwohl die Strasse stark befahren war, wollte uns niemand mitnehmen. Wir starteten also wieder auf unseren Velos. Die Luft war immer noch hässlich, Gegenwind hatten wir auch und immer wieder verpesteten tote Tiere die Luft! Dann endlich erblickte ich in einer Ausweichstelle ein Camper mit Auto und Anhänger. Ich sprach die beiden – Dave und Darla – natürlich an, ob sie uns nicht mitnehmen konnten. Natürlich konnten sie – sogar rund 150 Kilometer bis nach Great Falls! Der Tag endete, indem wir neben ihrem Haus im Camper übernachten durften.
Am nächsten Tag war immer noch keine Besserung in Sicht! Ich bastelte nun also ein Schild – eine Hilfestellung zum Autostöpplen. Dave führte uns zu einer Tankstelle am Highway, wo wir unser Glück erneut versuchen wollten.
Unsere nächsten Retter – Martin und Sue – nahmen uns zur nächsten grossen Stadt mit: Helena. Auch hier durften wir schlussendlich in ihrer Gästewohnung übernachten. Wir fuhren sogar noch zusammen nach Helena und Sue führte uns durch die Hauptstadt von Montana. Zum zNacht waren wir zu Hamburgern eingeladen. Und dann wurden wir noch in Smores eingeführt: eine wahre amerikanische Delikatesse! Man brätelt Marshmallows, klemmt sie zwischen zwei Güetzi und steckt noch ein Stück Schoggi dazwischen. Naja mir war das viel zu süss und künstlich aber wahrscheinlich ist es für andere mega fein!
Sue und Martin begleiteten uns am nächsten Tag dann noch über die strengsten Hügel und dann gings wieder los. Noch ein letztes Mal beteten sie für uns (in einem kleinen Kreis zmitts auf der Strasse im Nirgendwo) und danach konnten wir starten. Wir waren also immer noch in der Prärie in Montana und hatten etliche Kilometer vor uns. Nach den vielen Tagen Autostöpplen schafften wir die Kilometer locker. Wir endeten an diesem Tag in Toston. Toston besteht aus einigen Häusern, einer Brücke über den Missouri River und einer Bar. Wir planten, am Missouri zu zelten. Davor wollten wir noch ein Bier in der Bar trinken. Dort lernten wir Ken kennen, in seinen guten Jeans und mit dem guten Hemmli und circa 60 jährig. Nach fünf Minuten wurden wir von Ken eingeladen, in seinem Haus zu übernachten. Ich war relativ skeptisch, denn Ken war ziemlich betrunken. Wir genehmigten uns also auch erst mal ein Bier und einige Stunden später wankten wir dann doch mit Ken zu seinem Haus. Ken warnte uns, dass er in seinem Gästezimmer auch noch einen Vogel hält, der könne dann manchmal etwas an die Wand picken und lärmen. Wir kamen also in Kens Haus und ich war erst mal überrascht! Sein Wohnzimmer war sehr geschmacksvoll eingerichtet mit schönen Sesseln und antiken Gegenständen. Ausserdem hatte er gewaltige Hirschgeweihe an der Wand aufgemacht. Er wollte mir dann sogar eines nach Hause schicken, ich sollte ihm dazu nur meine Adresse hinterlassen. Da ich nicht sicher war, ob Geweihe problemlos verzollt werden können, habe ich die Adresse dann nicht aufgeschrieben. Ich hoffe jetzt einfach, irgendwann meine erste eigene Trophäe zu erhalten 🙂
Ken zeigte uns das Gästezimmer und ich war ziemlich geschockt. Es war vollgestopft mit „Zeug“ aber anscheinend hätte noch niemand im Gästebett geschlafen. Trotzdem habe ich in allen Kleidern geschlafen. Der Vogel (ein Baby-Fasan) hat auch ziemlich genervt und gestunken. Da Ken auf dem Bau arbeitet, ist er während der Woche unterwegs. Seinen Vogel sieht er also nur am Wochenende. Er weckte uns deshalb morgens um fünf, da er besorgt war, ob sein Fasan genügend Wasser für die kommende Woche hätte. Ich habe am nächsten Morgen nur kurz überlegt, ob wir den Fasan befreien sollten. Das Badezimmer erwähne ich erst gar nicht, brrrr!

Nun stand also noch eine letzte Tagesetappe vor Bozeman an. Die meisterten wir mit links! In Bozeman haben wir uns wieder eine warmshower Unterkunft organisiert. Nach den letzten Nächten genossen wir hier nun einmal wieder eine WG mit Gleichaltrigen, politisch Gleichgesinnten, vogellosen und unreligiösen Leuten. Wir haben also im gesamten Staat Montana kein einziges Mal das Zelt aufstellen müssen! Wir genossen die Gastfreundschaft der unterschiedlichsten und wahnsinnig warmherzigen Leuten!

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